Das erste Filmfestival Münster lief 1981 noch unter dem Namen Filmzwerge – Tage des unabhängigen Films und war ein reines Kurzfilmfestival. Der Wettbewerb für Kurzfilme war damals das Herzstück des Festivals und ist es bis heute. Für viele Filmschaffende ist der Kurzfilm das Sprungbrett in die “große” Filmbranche, sei es als Visitenkarte für das eigene Talent oder als Teil der Ausbildung an einer Filmhochschule. Während bei den ersten Festivals in Münster unter anderem Retrospektiven früher Kurzfilme von Werner Herzog oder Wim Wenders liefen, startete auch die damals junge Generation von Filmemacher:innen durch. Bei den Filmzwergen 1988 etwa gewann der seinerzeit 29-jährige Philip Gröning den Kurzfilmwettbewerb – und 3.000 D-Mark gab es obendrauf. Ab Anfang der 90er Jahre konnte er dann Langfilme inszenieren und feierte 2006 seine bislang größten Erfolge, als er für den Dokumentarfilm Die große Stille sowohl den Deutschen Filmpreis als auch den Europäischen Filmpreis erhielt.
Spätere Gewinner:innen des Deutschen Filmpreises gibt es in der Münsterschen Festival-Historie einige: Die Regisseurin und Drehbuchautorin Ayşe Polat wurde 30 Jahre nach ihrer Kurzfilm-Auszeichnung in Münster im vergangenen Jahr für ihren Film Im toten Winkel für die beste Regie und das beste Drehbuch mit dem Deutschen Filmpreis prämiert. Thomas Wendrich war 2005 mit seinem berührenden Kurzfilm Zur Zeit verstorben in Münster zu Gast und gewann den WDR-Förderpreis. Mittlerweile ist er vor allem als Drehbuchautor aktiv und dafür hochdekoriert, unter anderem mit dem Deutschen Filmpreis für Lieber Thomas (2022) oder dem diesjährigen Grimme-Preis für seinen Vierteiler Herrhausen – Der Herr des Geldes, übrigens unter der Regie der gebürtigen Münsteranerin Pia Strietmann.



Noémie Merlant auf dem Handy während der Preisverleihung 2021 (c) Thomas Mohn // Daniel Abma, am Rande der Preisverleihung 2015 (c) Filmfestival Münster // Till Nowak im Studio (c) Framebox
Auch im Programm des aktuellen Kinojahres finden sich ehemalige Münster-Preisträger. Im Juni startete der hochgelobte Dokumentarfilm Im Prinzip Familie des niederländischen Regisseurs Daniel Abma im Schloßtheater. Seine Kurzdoku Vorwärtsgang gewann 2015 den Großen Preis der Filmwerkstatt, ebenso wie Nikias Chryssos mit seinem Kurzspielfilm Hochhaus acht Jahre zuvor. Chryssos war noch einmal mit seinem ersten Langfilm Der Bunker zu Gast beim Filmfestival Münster und in diesem Sommer brachte er seine Techno-Odyssee Rave On in die Kinos.
Am weitesten in die große, internationale Filmwelt hat es wohl Till Nowak gebracht. Für seinen Kurzfilm The Centrifuge Brain Project gewann er in Münster seinen ersten Publikumspreis. Viele weitere Auszeichnungen für die Mockumentary und ihre spektakulären Special Effects folgten – und die Aufmerksamkeit aus Hollywood. Mittlerweile ist er als Concept Artist an zahlreichen Marvel-Filmen beteiligt, wie etwa Guardians of the Galaxy Vol. 2 (2017) und Vol. 3 (2023), Black Panther (2018), Captain Marvel (2019) oder dem diesjährigen Comeback der Fantastic Four. Auch dem “Realfilm”-Remake von Der König der Löwen (2018), Wonka (2023) mit Timothee Chalamet sowie Francis Ford Coppolas Megalopolis (2024) hat er seinen visuellen Stempel aufgedrückt. Und mit Tron: Ares (2025) und dem fünften Auftritt der Avengers im kommenden Jahr stehen seine nächsten Projekte schon in den Startlöchern.
Auch die französische Schauspielerin Noémie Merlant ist seit Jahren eine feste Größe in der internationalen Filmwelt. Nach ihrem Durchbruch in Céline Sciammas Porträt einer jungen Frau in Flammen (2019) spielte sie unter anderem an der Seite von Cate Blanchett in Tár (2022) oder neben Kate Winslet in Die Fotografin (2023). Ihre erste eigene Regiearbeit Mi iubita, mon amour (2021) wurde in Cannes uraufgeführt und sie gewann beim Filmfestival Münster im selben Jahr erstmals einen Preis für die beste Regie. Inzwischen ist auch ihr zweiter eigener Film, Balconettes (2024), veröffentlicht worden, und dass sie sich dabei viel mehr zugetraut hat als noch bei ihrem Debüt, ist sicherlich auch auf Auszeichnungen wie in Münster zurückzuführen, die Auftrieb für die weitere Karriere geben.
Auch in diesem Jahr treten im Spielfilmwettbewerb für Debütfilme, im Kurzfilmwettbewerb sowie in der Westfalen Connection mit Filmen aus der Region hoffnungsvolle Nachwuchsfilmschaffende an, deren Namen möglicherweise eines Tages international bekannt sind. Und wir alle haben die Möglichkeit, sie beim Filmfestival Münster erstmals live zu erleben – wie auch Jurymitglieder wie Liv Lisa Fries, die 2011 sechs Jahre vor ihrem ersten Auftritt bei Babylon Berlin in Münster zu Gast war, oder die niederländische Schauspiellegende Rutger Hauer, der 2007 in der Jury saß und sich ständig in Münsters Innenstadt verlief. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden …
(zuerst erschienen in der films, September 2025)